Kinderfreundliche Lebensräume (be)greifen
Fachtagung, 19. Oktober 2020
In der Reihe der von UNICEF jährlich organisierten Tagungen zum Thema Kinderfreundliche Lebensräume wurde diese Veranstaltung 2020 gemeinsam mit der VSSG-Arbeitsgruppe Kinder im Stadtraum dreisprachig ausgerichtet.
Aussenraumgestaltung für Kinder und Jugendliche
Die Tagung warb dafür, die Gesundheit der Kinder und Jugendlichen ins Zentrum der Aussenraumgestaltung zu stellen. Die Bedeutung dieser Räume für die Entwicklung und Sozialisierung von Kindern ist unbestritten, aber in der Umsetzung bei Planung und Bau bestehen noch viele Fragen. Vielfältige, grosszügige und formbare Aussenräume erlauben Kindern und Jugendlichen sich ausreichend zu bewegen und Erfahrungen zu machen, die für sie an anderen Orten kaum möglich sind. Die Verbindung von spezifischen nicht-formellen Lernprozessen beim freien Spielen in unterschiedlichen sozialen Gruppen und den körperlichen Einsatzmöglichkeiten im Freiraum spielt dabei eine wichtige Rolle. Der Zugang zu Naturräumen und die Möglichkeit zur Partizipation bei der Gestaltung von Räumen leisten einen wichtigen Beitrag zur gesunden Entwicklung von Kindern und Jugendlichen.
Neue Herausforderungen
Bei der Aussenraumgestaltung sollen durch kindgerechte Massnahmen die Unfallgefahr und andere Risiken (wie Lärmexposition, Kontakt mit Giftsstoffen) verringert werden. Heute hindern besonders die mangelnde Verkehrssicherheit, und zunehmend auch die Hitzeperioden im Sommer die Kinder daran, sich in den städtischen Aussenräumen frei zu entfalten. Die Zeit, die Kinder täglich im Aussenraum verbringen, ist in den letzten Jahrzehnten von über drei Stunden auf etwa 30 Minuten gesunken.
Handlungsmöglichkeiten diskutieren
Zwei Fachreferate mit anschliessenden Diskussionen am Vormittag und sechs verschiedene Ateliers sowie ein Runder Tisch mit den Atelierleitenden am Nachmittag gaben fachlich vertiefte Inputs und erlaubten angeregte Gespräche. Die grossen Räume im Solothurner Landhaus erlaubten die Druchführung der Tagung mit fast 100 Teilnehmenden vor Ort, etwa 50 weitere Teilnehmehmende waren per Videokonferenz hinzugeschaltet.
Dem Zeichner Reto Trachsel gelang es, mit dieser im Verlauf der Tagung "live" erstellten grafischen Darstellung, die Vorschläge und Ideen der Referierenden und Teilnehmenden eindrücklich zusammenzufassen.
Fachreferat I: Prof. Carlo Fabian
Leiter Institut Soziale Arbeit und Gesundheit FHNW FSA
Die Determinanten der Gesundheit und deren Bedeutung für die physische und psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. Partizipative Prozesse und Praxisbeispiele im Kontext der Aussenraumgestaltung.
Carlo Fabian definierte Gesundheit als einen Zustand von hohem Wohlbefinden und hoher Lebensqualität, welcher durch körperliche, psychische und soziale Einflussfaktoren konstitutiert wird. Die Gesundheit wird aber auch als ein Prozess definiert, bei dem die vielfältigen Wechselwirkungen von Menschen mit ihrer Umwelt in eine Balance gelangen, zwischen Belastungen und Herausforderungen einerseits und den Ressourcen der Person andererseits. Carlo Fabian wies auf die Lebensfelder der jungen Menschen hin, welche ihre Gesundheit determinieren und insgesamt ihre Lebensbedingungen definieren (das unmittelbare Familienumfeld, die Verwandschaftsbeziehungen und informellen Netzwerke, die öffentlichen Angebote und die volkswirtschftlichen Rahmenbedingungen).
Wie kann konkret bei der Aussenraumgestaltung die Gesundheit von Kindern gefördert werden ? Carlo Fabian referierte über die Ergebnisse des Projekts QuAKTIV: Die Entwicklung von kinderfreundlichen und naturnahen Freiräumen für Kinder und mit Kindern. Auch die Möglichkeiten der Partizipation wurden in dem Projekt ausgelotet.
Praxishilfe für Freiraumgestaltung, Projekt QuAKTIV, 2016[pdf, 20.1 MB]
Weiter ging Carlo Fabian auf die auch für Erwachsene positive Wirkung der Partizipation als Empowerment ein. Planungen und demokratische Prozesse in denen die Kriterien Inklusion, Gerechtigkeit, Mitwirkungsqualität und Verbesserung der Sozialisation erfüllt werden, stärken auch die Demokratie. Ideal ist dafür die Einbettung neuer Partizipationsverfahren in bestehende demokratische Prozesse. Langfristig haben naturnahe (und andere) Räume, die selbsbestimmtes Verhalten von Kindern und Jugendlichen zulassen einen besonders positiven Einfluss auf ihre Gesundheit. In solchen Räumen können Jugendliche nicht-strukturierten freie Zeit mit Bewegung und spontanen Begegnungen geniessen und immer wieder neu kreativ tätig sein.
Mit ausdrucksstarken Bildern zeigte Carlo Fabian den Unterschied zwischen Gleichbehandlung und Gerechtigkeit in Bezug auf den Zugang zu Aussenräumen.
Quelle: City for all Women Initiative
In seinen Schlusstatements betonte der Referent, dass Chancengerechtigkeit und Inklusion für alle eine grosse Herausforderung sind. Projekte und Prozesse mit umfassenden (echten) partizipativen Ansätzen können dazu einen wesentlichen Beitrag leisten.
Fachreferat II: Jens Aerts
Senior urban planner und Autor der UNICEF Publikation Shaping urbanization for children
Die Fragestellungen des Planers: Wie können wir urbane Gebiete aus dem Blickwinkel von Kindern gestalten? Wie können Städte im Zeichen des Klimawandels nachhaltig und der Entwicklung gesunder und starker zukünftiger Generationen dienlich gebaut werden?
Jens Aerts berichtete aus seinem reichen Erfahrungsschatz als Planer und Lehrender unter anderem über die in Leuven durchgeführten partizipativen Projekte Innovative City Award 2020, über mit Beteilung von Kindern in Asien durchgeführte Städteplanung und belegte seine Überzeugung, dass kinderfreundlich gebaute Städte auch für alle anderen Bevölkerungsgruppen grosse Vorteile aufweisen. Eindrücklich waren auch seine Berichte und Bilder aus Studien, die den messbaren, positiven Einfluss von Naturerfahrung, Spielen und liebevollem Feedback von Erwachsenen auf die Entwicklung des kindlichen Gehirns zeigen. (Padvand et al 2018: The Association between Lifelong Greenspace Exposure and 3-Dimensional Brain Magnetic Resonance Imaging in Barcelona Schoolchildren).
Was kann und sollte beim kinderfreundlichen Städtebau berücksichtigt werden ? Jens Aerts erläuterte zehn Prinzipien, die in einer kinderfreundliche Stadt eingehalten werden müssen.
Quelle: Shaping Urbanization for Children, UNICEF 2018, Principle 1 (oben) S. 44, und Principle 2 - 10 (unten) S. 45.
Die städtischen Räume können bei der Planung in drei für alle Stadtbewohner massgebliche Kategorien gegliedert werden, für die jeweils unterschiedliche Planungsprioritäten bei einer kinderfreundlichen Gestaltung gelten . Es handelt sich um den wohnungsnahen Strassenraum, das Wohnquartier und die Gesamtstadt, die von Kindern und Jugendlichen in dieser Reihenfolge nacheinander selbständig entdeckt werden können.
Quelle: Shaping Urbanization for Children, UNICEF 2018, S. 28, Abb. 10 "Space and scale of urban childhoods"
Zum Abschluss seines Referats wies Jens Aerts noch auf weitere Veröffentlichungen hin, die Teilbereiche des Themas vertiefen, wie zum Beispiel Designing Streets for Kids. Er zeigte auch auf, dass Kinder in manchen Städten erst wieder neu lernen müssen, sich zu Fuss oder mit dem Fahrrad fortzubewegen, da sie dies durch ungünstige städtebauliche Umstände nicht mehr selbstverständlich und selbständig erlernen konnten.
Atelier Wohnumfeld: Katja Reichen
Kinderbüro Basel
Entwicklung beginnt vor der Haustür: Das Atelier wagte den Perspektivenwechsel und führte in die Planungsmethoden ein, die im Leitfaden "Auf Augenhöhe 1.20 m" erläutert werden. Es zeigte die Auswirkungen, welche durch partizipative Planung auf die Identifikation der Kinder mit Räumen, sowie ihr Selbst- und Verantwortungsbewusstsein entstehen.
Atelier Strassenraum: Sabine Wegener und Andrea Uhr
Beratungsstelle für Unfallverhütung (bfu)
Unfallprävention im Strassenverkehr aus der Perspektive der Entwicklungspsychologie und der Verkehrstechnik: Damit Kinder selbständig unterwegs sein können, müssen sie sich in ihrem direkten Wohnumfeld sicher bewegen können. Altersabhängig verhalten sie sich im Strassenverkehr oft unvorhersehbar, was zu gefährlichen Situationen oder Unfällen führen kann. In dem Atelier werden auf einem Rundgang durch Solothurn potentielle Gefahrenquellen betrachtet und Massnahmen aufgezeigt, mit denen die Verkehrssicherheit für Kinder erhöht werden kann.
Atelier Schulhof: Annik Art und Kerstin de Bruin
Fachstelle SpielRaum
Partizipation Aussenraumgestaltung und freies Spielen: An einem praktischen Beispiel erlebten die Teilnehmenden, wie Partizipation in der Aussenraumgestaltung stattfinden kann. Sie kamen den Geheimnissen des freien Spiels auf die Spur und suchten mit Hilfe von fünf kleinen Spezialisten Antworten auf ihre Fragen zum "Pausenplatz".
Atelier Garten in der Schulhausumgebung: Pascal Pauli
Pädagogische Hochschule der FHNW und Verein Raumfang
Gartengestaltung für und mit Kindern: Ein Garten ist für Kinder weit mehr als eine Fläche mit Pflanzen. Je nach Gestaltung kann sich dieser zu einem Lern-, Begegnungs- und Spielort entwickeln. An Gartenangeoten und -aktionen für die Freizeit nehmen Kinder gerne teil, sofern der Zugang freiwillig und spielerisch ist, und viel Freiraum besteht um selbständig zu Entdecken. Das Atelier, welches im "Bildungssortengarten" des Klosters Solothurn stattfand, zeigte auf, wie ein Garten für und mit Kindern gestaltet und inhaltlich umgesetzt werden kann. Zu dem Thema haben ToKJO (Trägerverein offene Kinder und Jugendarbeit Oberaargau) und dem Verein Raumfang (Freiräume für Bewegung und Begegnung) einen Leitfaden entwickelt, der den Garten als Kindertreff und das Gärtnern als Angebot der Kinderanimation zum Thema hat. Leitfaden | Kindertreff im Garten, Pascal Pauli und Sonja Rahs [pdf, 10.6 MB]
Atelier Natur: Sabine Muster, Alice Johnson
Stiftung SILVIVA
Naturerlebnisse für Kinder mittels Aussenraumgestaltung möglich machen: Die Teilnehmenden lernten welchen positive Einfluss die Natur auf die kindliche Gesundheit und Entwicklung hat. Zudem wurde diskutiert, was Kinder an Natur interessiert und wie die Zugänglichkeit zur Natur für Kinder und Jugendliche verbessert werden kann. Die Organisation SILVIVA bietet zahlreiche weiterführende Kurse und Materialien zum Beispiel zu den Themen "Unterricht draussen" und "Naturbezogene Anlassgestaltung" an.
Atelier Politischer Rahmen: Genf, Lyss, Bern
Gesundheitsförderung von Kindern und Jugendlichen mittels Aussenraumgestaltung - was kann die Politik beitragen? Die Handlungsspielräume, Prozesse und mögliche Massnahmen wurden am Beispiel dieser drei Kinderfreundlichen Gemeinden ausgelotet. Es wurde erörtert, wie bestehende Herausforderungen angegangen werden können.
Abschlussdiskussion
Der abschliessende Runde Tisch mit allen Atelierleitenden und der Diskussion im Plenum stellte fest, dass die Beteiligung von Kindern an Planung und Bau von Aussenräumen mit "echten" partizipativen Verfahren in der Schweiz noch wenig verbreitet ist. Eine solche Partizipation muss kindgerecht durchgeführt werden, insbesondere was die Art der Diskussion, die Transparenz über bestehende Einflussmöglichkeiten und die Zeitdauer betrifft, vom Beginn des Partizipationsverfahrens bis zur Realisierung der Baumassnahmen (idealerweise unter Mithilfe der Kinder). Die fortlaufende Betreung von Kindern und Jugendlichen in der freien Jugendarbeit findet seltener im Aussenraum statt, und "Naturgenuss" ist oft noch eine Privatangelegenheit der Familien. In deisem Bereich könnten Synergien aufgebaut und genutzt werden.
Ein wichtiger Grund für oft noch fehlende "Kindgerechtigkeit " der Planungen, ist die Schwierigkeit der Einbeziehung von neuen Kompetenzträgern: während Raumplaner, Städtebauer und Landschaftsarchitekten heute oftmals Bauingenieure, Verkehrsplaner, Lichtgestalter und andere Spezialisten in ihre Projektplanung einbeziehen, werden Kompetenzen aus Sozialwissenschaften, Psychologie und Medezin noch wenig nachgefragt. Die dringende Forderung nach einer Umgestaltung der Städte für eine gesunde Entwicklung der Kinder wird aber gerade von diesen, kaum in die Planung eingebundenen Wissenschaften, getragen. Die jahrelange Vernachlässigung ihrer fachlichen Erkenntnisse führte erst zu den städtbaulichen Fehlern der Vergangenheit. Transdisziplinäre Arbeitsweisen sind heute noch wenig üblich und in den Verwaltungen kaum verankert, deswegen ist ihre Durchführung relativ aufwendig.
Viele der in den Ateliers neu erarbeiteten oder tiefer verstandenen Forderungen wurden ohne Widerspruch von allen Teilnehmenden getragen: mehr Naturerfahrung, mehr Gelegenheit zu freiem und körperlich aktivem Spielen draussen, mehr formbarer Lebensraum für Kinder und Jugendliche ... diese Ziele können alle unterschreiben. Erst bei den konkreten Fragen "wie?" und "wo?" traten in der Diskussion die Gräben zutage, die Planern in der Alltagsarbeit nur allzu gut bekannt sind: wer kann (muss) solche Massnahmen finanzieren? Und sollen Wohnquartiere etwa den allgegenwärtigen Autos etwas weniger Platz zugestehen, damit Kinder wieder mehr Freiheit geniessen können?
Der neue, hoffentlich Kinder- und Klima freundliche Städtebau geht uns alle an. Er stellt entscheidende Weichen für die Zukunft der Gesellschaft.
Programm der Tagung [pdf, 192 KB]
Tagungsausschreibung UNICEF 2020
Handbuch Planung und Gestaltung von kinderfreundlichen Lebensräumen, UNICEF 2019
Fallbeispiele Kinderfreundlicher Lebensraum, Unicef 2019
Bericht von Stéphanie Perrochet, 28.11.2020
Seite erstellt am 06.01.2021