2011 Solothurn/Grenchen

 

Solothurn und Grenchen: Ambassadorenstadt und Uhrenstadt

 

Jahresbericht 2010  [PDF, 89.0 KB]


Die diesjährige Versammlung der Vereinigung Schweizer Stadtgärtnereien und Gartenbauämter (VSSG) fand erstmals in zwei Städten statt, in Solothurn und in Grenchen. Während Solothurn mit einer wunderbaren Altstadt und barocken Gebäuden bezirzt, liegt der architektonische Wert von Grenchen in modernen Bauten der 50er Jahre. 


Beide Städte haben für Ihre Leistungen zu Gunsten des Heimatschutzes den Wakkerpreis erhalten. Solothurn bereits 1980, Grenchen 2008.

Text: Thomas Schmid, Luzern
Bilder: Christian Wieland, Winterthur 


Der statuarische Teil der Generalversammlung konnte rasch behandelt werden. Im Vordergrund stand die Verabschiedung der überarbeiteten Richtlinien zur Schadenersatzberechnung bei Bäumen. Die Überarbeitung durch die Arbeitsgruppe Bäume der VSSG erfolgte aufgrund neuer Erfahrungen und insbesondere auch auf der Basis der heute gültigen Rechtsprechung. Ebenso sind fachliche Inputs eingeflossen. So wurden für Bäume Empfindlichkeitsstufen geschaffen, nach denen sich gleiche Schädigungen nach Gattung und Art differenzierter berechnen lassen. Ziel ist nun die Einführung in möglichst vielen Städten und Gemeinden und die Aufschaltung eines elektronischen Formulars.
Die Versammlung beschloss zudem den Beitritt zu Plante et Cité, eine 2006 in Frankreich auf Initiative von Akteuren des Garten- und Landschaftsbau gegründete Organisation. Sie hat zum Zweck, technische Methoden zu entwickeln, fachliche Referenzen zu erwerben und Wissen zu bündeln und zu verbreiten. Immer mit dem Hauptaugenmerk öffentliches Grün.

Unterhalts- und Pflegekonzept

Stadtpräsident Kurt Fluri begrüsste die Teilnehmer unter anderem mit der Aussage, dass Solothurn bereits seit den 60er Jahren Grundsätze für die ökologische Pflege der Grünräume festgelegt hat. Damals wurde beschlossen, dass einheimischen Pflanzen Vorrang gebühren soll und weder Kunstdünger noch Gifte zu verwenden seien. Heute hat Solothurn, gemessen an der Zahl der Einwohner, am meisten naturnahe Grünflächen in den Schweizer Städten. 

Seit Mitte der 70er Jahre wurde ein grosser Teil der Schulanlagen und Kindergärten sukzessive in naturnahe Anlagen umgestaltet. Ende der 80er Jahre erfolgte die Pflegeumstellung im Stadtpark. Parallel dazu wurde die Pflege des Strassengrüns extensiviert. Seit 2004 verfügt die Stadt Solothurn nun über ein Pflege- und Unterhaltskonzept für die städtischen Grünflächen. Jede Fläche wird nach spezifischen Gesichtspunkten gepflegt. 

Wo immer es kulturhistorische Gegebenheiten erlauben, werden Grünflächen extensiv bewirtschaftet und ökologisch aufgewertet. Naturnahe Lösungen haben bei Sanierungen und Neugestaltungen konsequent Vorrang. Auf diese Weise soll den heimischen Arten Lebensraum zurückgegeben werden, ohne das ästhetische Empfinden der Bevölkerung einzuschränken. Kompromisse sind dennoch nötig. Auf Sportrasen werden mineralische Dünger mangels Alternativen verwendet, Pflanzungen mit hohem Repräsentationswert werden herkömmlich intensiv gepflegt.

Nutzungskonflikte

Die Altstadt von Solothurn wird südlich durch die Aare begrenzt. Westlich schliessen Wohn- und Geschäftsquartiere an. Nördlich und östlich der Altstadt liegen der Stadtpark und das Chantier Areal, welche einen breiten Grüngürtel um die Altstadt bilden. Es sind die grössten zusammenhängenden Grünflächen der Stadt. Das Gelände für den Stadtpark konnte bereits 1887 durch die Stadt erworben werden, nachdem weite Teile der Stadtbefestigung aus dem 17. Jahrhundert abgetragen wurden. Die ausgedehnten Wiesen und Baumhaine beherbergen heute eine Vielzahl seltener Pflanzen und Tiere. Es leben Dohlen im störungsarmen Turm der St. Ursen Bastion, Orchideen kommen vor und der über 200 Jahre alte Baumbestand bietet Lebensraum für hunderte von Insektenarten. Im Chantier- Areal wächst Myosurs minimus, das Mäuseschwänzchen. In der Schweiz sind etwa 15 Myosurs- Standorte bekannt. Solothurn beherbergt wohl die einzige 'Stadtkolonie' dieser seltenen Pflanzenart. 
Allerdings stehen der Stadtpark und das Chantier- Areal durch die zahlreichen Veranstaltungen stark unter Druck. Jetzt aktuell findet eine grosse Gewerbeausstellung auf mehreren Tausend m2 statt. In Festzeltbauten auf den Wiesen des Stadtpark. An diesem Beispiel zeigen sich auch die Probleme öffentlicher Grünflächen betreffend Nutzungskonflikte.

 

Ambassadorenstadt

Solothurn liegt auf 430 m ü. M. am Jurasüdfuss. Die aktuelle Forschung geht davon aus, dass eine erste Siedlung um 30 nach Christus entstanden ist. Grund dafür dürfte eine Brücke gewesen sein, die an einer der engsten stellen der Aare als Verbindung zwischen Aventicum und Vindonissa (Avenches-Windisch) durch die Römer erbaut wurde. Aus dieser Zeit dürfte auch der Name Salodurum stammen, von welchem Solothurn abgleitet wurde. Sal wurde damals für Wasser verwendet und duron für Tor. Solothurn heisst also 'Wassertor'. 
1080 hielten neue Adelsgeschlechter Einzug in das Land. Unter ihnen waren die Zähringer die wichtigsten. Der Zeitglockenturm ist das einzige Überbleibsel der mittelalterlichen Stadtburg, der Turm wurde während der Zähringerzeit etwa um 1150 errichtet. 
Nach dem Tod des letzten, kinderlosen Zähringers wurde Solothurn 1218 zur reichsfreien Stadt erklärt. Wegen der schwierigen Zeit für reichsfreie Städte im 13. Jahrhundert, musste sich auch Solothurn nach Verbündeten umsehen. So konnte der Bund von Bern geschlossen werden. 1393 beginnt für Solothurn die Zeit bei den Eidgenossen. Einige Jahrzehnte später trat Solothurn als 11. Stand 1481 der Eidgenossenschaft bei.
1530 schlug der französische Ambassador seinen Sitz auf. Die französische Botschaft residierte bis 1792 in Solothurn. Aus dieser Zeit stammt der Begriff Ambassadorenstadt. 
Dieser französische Einfluss ist noch heute stark erkennbar. Solothurn entwickelte eine unerschütterte Treue zu Frankreich und zum französischen Solddienst. Viele der damals etwa 4000 Einwohner waren als Söldner tätig. Zahlreiche solothurnische Söldner wurden im französischen Dienst geadelt und kehrten reich versehen mit Pensionen und Renten nach Solothurn zurück. Sie errichtete feudale Sommersitze und Herrschaftshäuser (Ambassadorenhof, Palais Besenval, Schlösser Biberstein und Waldegg). Deshalb ist heute die Solothurner Altstadt wesentlich französisch geprägt und die Barockelemente dominieren das Stadtbild. So wird Solothurn auch noch die schönste Barockstadt der Schweiz genannt. 
Aufgrund unterschiedlicher Bedrohungslagen musste die Befestigung Solothurns laufend ausgebaut und umgebaut werden. Es entstanden zwischen 1450 und 1710 verschiedene Befestigungsbauten, welche heute das Stadtbild von Solothurn prägen.
Seit 1828 ist Solothurn Bischofssitz des Bistum Basel. Als Folge der Industrialisierung erhielt Solothurn bereits 1857 den ersten Bahnanschluss. 1895 begann die Elektrifizierung der Stadt, das erste Trafohäuschen besteht immer noch. Die Bevölkerung wuchs zwischen 1900 und 1950 von 10'000 auf rund 15'000 Einwohner. Heute leben in Solothurn gut 16'000 Menschen. Viele Persönlichkeiten sorgen für internationales Flair: Schriftsteller Peter Bichsel, Bildhauer Schang Hutter, Spitzenkoch Anton Mosimann, Rockmusiker Chris von Rohr sind nur einige bekannte Personen aus Solothurn. Und, wussten sie, dass Schwimmstar Alexander Popov seit 2003 in Solothurn lebt?
Die Stadtentwicklung wurde von den zuständigen Behörden in den letzten Jahren stark bearbeitet. Im Westen der Stadt entsteht in den nächsten Jahren auf stadteigenem Gebiet ein neues Quartier für mindestens 1000 neue Einwohner und ebenso viele Arbeitsplätze.

Uhrenstadt Grenchen

Der zweite Tagungstag begann mit einer Aareflussfahrt in einem wirklich eindrücklich schönen Landschaftsgebiet. Die Aare ist denn auch eine Lebensader, die Solothurn und Grenchen heute noch miteinander verbindet. Ansonsten haben die beiden Städte nicht sehr viel gemeinsam. Grenchen hat sich erst in den letzten 160 Jahren von einem kleinen Bauerndorf zu einer innovativen Technologiestadt mit besonderem Augenmerk auf Uhren entwickelt. Claude Barbey, Stadtbaumeister in Grenchen, bezeichnet seine Stadt denn auch als jüngste Stadt der Schweiz. Mit rund 16‘000 Einwohner leben fast gleich viele Menschen in Grenchen, wie in Solothurn. 
Ab 1851 begann in Grenchen die Uhrenherstellung, die das Wirtschaftsleben der Stadt bis heute dominiert. 1918 wurden, anlässlich des landesweiten Generalstreiks in Grenchen drei junge Arbeiter von Truppen der Schweizer Armee erschossen. Ein Denkmal in der Stadt erinnert noch heute an diesen Vorfall. In den 1970er Jahren führte die nach den 1930er Jahren zweite grosse Uhrenkrise zu einem starken Bevölkerungsschwund in der Stadt. 
Stadtpräsident Boris Banga (SP) ist überzeugt, dass Grenchen eine Stadt der Zukunft ist. Stolz sind die Grenchner auf das viele Grün in der Stadt, welches Ambiente und Aufenthaltsqualität schafft.
Weshalb ist Grenchen so grün? Mit der Uhrenindustrie entstanden viele Ateliers, kleine und grosse Betriebe. Die Besitzerfamilien legten Wert darauf, dass ihre Angestellten in guter Umgebung ihre Präzisionsarbeiten verrichten konnten. An manchen Orten fand so eine Gewerbe- Wohn- Mischnutzung statt. Denn nicht selten wurden die Ateliers auf den grosszügigen Grundstücken der Besitzer erstellt. So entstand ein recht heterogenes Wohnumfeld, welches heute noch die Quartiere der Stadt beeinflussen. 
Mit dem Verkehr und dem Fortschritt der Industrialisierung stellten sich auch Probleme ein. Der Durchgangsverkehr wurde immer mächtiger und benötigte Raum. Die T5 Durchgangstrasse wurde am Schluss um die Jahrtausendwende von 20'000 Fahrzeugen täglich befahren. Leere Liegenschaften und ein unattraktiver Stadtkern waren die Folge. Mit der Eröffnung der Nationalstrasse A5 im Mai 2002 konnte der um zwei Drittel vermindert werden. Zusammen mit Bund und Kanton wurde das Profil der Hauptstrasse von 7.5 Meter zurückgebaut auf 4.75 Meter. Durch den Rückbau erhielten Fussgänger und Radfahrer mehr Platz. Auch Strassenbegleitgrün wurde geschaffen. Vortrtittsregelungen wurden anders organisiert, wesentliche Teile der Strasse sind heute Begegnungszonen, mit dem Vortrittsrecht für Fussgänger. Das Stadtzentrum von Grenchen wurde so wieder belebt. 
Heute finden Veranstaltungen statt, es gibt schön gestaltete und gut genutzte Aufenthaltsräume. Ein neu erstelltes Parkhaus führt dazu, dass der öffentliche Raum nur mit wenigen Parkplätzen im Freien belegt werden musste. 
Der sorgfältige Umgang mit der Bausubstanz der Nachkriegszeit, die Aufwertung des öffentlichen Raumes und die Weiterentwicklung der Stadt trotz sehr schwieriger Ausgangslage hat dazu geführt, dass Grenchen 2008 den Wakkerpreis zugesprochen erhalten hat. Der Schweizer Heimatschutz legt Wert auf die Feststellung, dass das Alter der Objekte keine Rolle spielt. Vielmehr wurde das stille architektonische Erbe der Stadt Grenchen anerkannt.

 

ZeitZentrum

Spürbar in eine andere Welt taucht man ein, wenn man die Gelegenheit hat, das ZeitZentrum zu besuchen. Es beherbergt unter anderem die Uhrmacherschule der Deutschschweiz und eine Lehrlingswerkstätte. 
Aktuell werden im ZeitZentrum 155 Lernende ausgebildet, wovon 54 die Lehre in der Werkstätte absolvieren. 101 Lernende besuchen in Grenchen die Berufsschule und die überbetrieblichen Kurse. Sie kommen aus der ganzen Deutschschweiz. Ihre Lehrmeister sind Betriebe wie Omega, IWC, Festina und viele kleine Uhrwerkstätten. 15% der Lernenden sind Frauen. Die Uhrmacherausbildung dauert 4 Jahre, es gibt 2 Berufsrichtungen. Der Uhrmacher Praktiker lernt 3 Jahre. 
Die Schweizer Uhrenindustrie exportiert Produkte von rund 16 Mia Franken pro Jahr. Seit 2005 hat sich der Uhrenexport verdoppelt. Die Exporte entsprechen in etwa demjenigen der Maschinenindustrie. 72% der exportierten Güter sind mechanische Werke und 19% sind Luxusuhren. Die Uhrenindustrie stellt für die Schweiz die zweitwichtigsten Exportgüter her. Die meisten Exporte sind chemische Produkte.
Der Uhrmacherberuf ist deshalb ein nach mehreren Krisen wieder ein äusserst gefragter Beruf.

So hat eine Tagung ihren Abschluss gefunden. Neben vielem Wissenswertem steht immer auch der persönliche Kontakt mit Gleichgesinnten im Vordergrund. Das macht die Zusammenkunft so wertvoll. Viel könnte man noch erzählen, über Grenchen und Solothurn. Beide Städte sind jederzeit einen Besuch wert. Es lohnt sich.

 

Sponsoren 

 

 

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