2015 Winterthur

Winterthur: Gartenstadt, Parkstadt und vieles mehr

 

 Bericht Jahresversammlung 2015  [PDF, 81.0 KB]

Die Jahresversammlung der Vereinigung Schweizerischer Stadtgärtnereien und Gartenbauämter (VSSG) fand dieses Jahr in Winterthur statt. Neben den ordentlichen Traktanden standen äusserst fundierte Fachvorträge und interessante Begehungen im Vordergrund.

 

Traktanden schnell behandelt
Die ordentlichen Traktanden der Generalversammlung wurden mehrheitlich ohne Gegenstimme angenommen. Aus dem Vorstand sind zwei Rücktritte zu vermelden. Anstelle von Vincent Desprez wird Hugues Rubattel (Nyon) und für Thomas Schmid wird Markus Weibel aus Thun in den Vorstand gewählt. Fünf neue Mitglieder wurden in die Vereinigung aufgenommen, die Gemeinden Bardonnex, Villeneuve, Rheinfelden, Bottmingen und Kaiseraugst. An der Versammlung begrüsst wurden Gäste aus Italien und Frankreich, sowie Vertreter branchennaher Verbände aus der Schweiz.

Grünstadt Schweiz als Innovation auf gutem Weg
Im Rahmen der Versammlung wurde eingehend über das Projekt «Grünstadt Schweiz» orientiert, welches sich auf der Zielgeraden befindet. Denn das Forschungsprojekt, welches von der ZHAW Wädenswil, Bioterra, FiBL und den Städten Winterthur, Basel und Luzern zusammen mit der Wirtschaftspartnerin nateco AG getragen und durchgeführt sowie von der Kommission für Technologie und Innovation (KTI) finanziell und vom Bundesamt für Umwelt (BAFU) ideell unterstützt wird, ist beinahe abgeschlossen.

Entstanden ist ein prozessorientierter Massnahmenkatalog, welcher der Zertifizierung dient. Er definiert 60 Massnahmen in 10 verschiedenen Paketen. Es handelt sich um Führungs-, Kern- und Unterstützungsprozesse. Jede Massnahme ist beschrieben und enthält Bewertungskriterien, gesetzliche Grundlagen, Informationen und Praxisbeispiele. Insgesamt können 500 Punkte zertifiziert werden. Mit 50% der Punkte kann eine Stadt oder Gemeinde das Bronzelabel erhalten. Das Goldlabel ist ab 75% aller Punkte erreichbar. Nach Abschluss der Forschungsarbeiten machen sich mindestens drei Städte an den Zertifizierungsprozess. Dieser wird im Verlauf 2016 abgeschlossen sein.

Die Ziele von GSS sind die Sicherung einer innovativen und langfristig orientierten Grünflächenpolitik in Städten und Gemeinden, die Erhöhung der Lebensqualität und Biodiversität und damit die Unterstützung hin zu einem fortschrittlichen und ganzheitlichen Grünflächenmanagement. Ausserdem sollen Kernkompetenzen gefördert, Benchmarksysteme ermöglicht und die zielorientierte Zusammenarbeit unterstützt werden. Dies unter anderem mit dem Zugang zum neusten Stand der Erkenntnisse und einem Pool von Ideen und Dokumenten.

Winterthur inmitten grosser städtebaulicher Herausforderungen
In Winterthur wohnen heute rund 108‘000 Menschen. Die Stadt erlangte vor allem durch Firmen wie Sulzer, Erb, SLM, Rieter oder Geilinger internationale Berühmtheit. Heute haben diese Firmen nur noch Bruchteile ihrer damaligen Grösse oder sie sind ganz verschwunden. Zurückgeblieben sind grosse Brachareale. Auch das ehemalige Sulzerareal im Zentrum Winterthurs, in Gehdistanz zum Hauptbahnhof. 1834 gründeten hier die Gebrüder Sulzer ihre Giesserei. 1989 wurden diese Produktionsstätten, welche sich über gut 22 Hektaren hinzogen, sillgelegt. Zum Vergleich: Die grosse Altstadt von Winterthur belegt eine Fläche von rund 16 Hektaren. Dieser Strukturwandel der Schwerindustrie traf Winterthur hart, zehntausende Arbeitsplätze gingen verloren.

Das Erbe dieser Industriegeschichte ist in der Stadt sehr vielfältig sichtbar. Villen reicher Familien mit grosszügigen Parkanlagen aber auch einfachere ehemalige Arbeiterquartiere wechseln sich im Stadtbild ab. In der Zwischenzeit denkmalgeschützte Bauten werden heute einer neuen Nutzung zugeführt, die Areale städtebaulich entwickelt. Geplant werden Kompositionen von Arbeiten, Wohnen, Aufenthalt oder Bildung. Winterthur erfindet sich derzeit neu. Mit vielen Anstrengungen. Nur schon die Entwicklung des Sulzerareals dauert mindestens 30 Jahre. Ein Generationenprojekt.

Neuhegi, eine neue Stadt in der Stadt
Auch im Gebiet Neuhegi, Oberwinterthur, gingen rund 20‘000 Arbeitsplätze verloren. Das dortige Sulzerareal ist bereits heute ein vielfältiger Stadtteil, der dereinst rund 4000 Einwohner und 8000 Arbeitsplätze aufweisen soll. In weiser Voraussicht und in enger Zusammenarbeit mit den Investoren, hat die Stadt Winterthur im Rahmen der erarbeiteten Freiraumkonzepte Grünräume gesichert. Sulzer Immobilien überliess der Stadt eine Fläche von rund knapp 60‘000 m2 als Grünraum, die Stadt verpflichtete sich, diesen zu gestalten.

Den international ausgeschriebenen Wettbewerb gewann das Büro Köpfli aus Luzern. Der Park wurde in Etappen erstellt, insgesamt investierte die Stadt Fr. 10.4 Mio., also rund 175 pro m2. Die Abstimmung zu diesem Kredit hatte einen Ja-Stimmen Anteil von 62%. Entstanden ist mit dem Eulachpark der grösste Volkspark in Winterthur mit Raum für Bewegung, Spiel, Spazieren oder Ruhen. In einer ehemaligen Industriehalle befindet sich neben Räumen für die Quartierentwicklung auch ein Stützpunkt der Stadtgärtnerei. Der Parkunterhalt kostet pro Jahr und m2 Fr. 5.30. Der Park hat zu einer massiven Aufwertung und damit auch Wertsteigerung angrenzender Grundstücke geführt. Denn vor kurzem musste die Stadt Winterthur Land für ein Schulhaus für Fr. 1‘100 pro m2 erwerben. Vor 10 Jahren hat diese Fläche nur wenig mehr als Fr. 500 pro m2 gekostet.

Übrigens, in diesem Gebiet ist mit dem Bau der Strasse der Asiatische Laubholzbockkäfer eingeschleppt worden. Die Stadtgärtnerei musste nach dem Auffinden des Käfers innert kürzester Zeit Massnahmen treffen, den Käfer auszurotten. 21‘000 Mannstunden wurden bisher investiert. In Rodung, Überwachung, Kommunikation und anderem mehr. Das Monitoring läuft noch bis 2016. Stellt man keinen Befall mehr fest, gilt die Zone als befallsfrei. 55 ha Gehölz mussten gerodet und 450 Bäume gefällt werden. Die Kosten belaufen sich auf Fr 2.5 Mio., getragen zu einem Drittel von der Stadt Winterthur und zu zwei Dritteln vom Kanton Zürich.

Der Promenadenring
Eng mit der Industrie verknüpft ist die Tatsache, dass die Winterthurer Altstadt von einem grünen Promenadenring umgeben ist. Aus Villengärten entstanden in den letzten Jahrzehnten öffentlich zugänglich Parks. Nur wenige Schritte ausserhalb des Hauptbahnhofes befindet sich der Stadtgarten um das Oskar Reinhard Museum. Etwas weiter beim Stadthaus und dem Parkhotel sind grosszügige Freiräume angelegt. Östlich der Altstadt befindet sich der Lindengutpark. Verschiedene Bildungsinstitute mit viel öffentlichem Grünraum südlich der Altstadt, vervollständigen den Promenadenring. Gerade solche Grünraume sind heute im Rahmen raumplanerischer Überlegungen zur Verdichtung von Bauzonen gefährdet. Der Erhalt und die Aufwertung des Promenadenrings Altstadt ist denn auch ein Ziel in der Freiraumkonzeption der Stadt Winterthur.

Über Winterthur gäbe es noch viel zu schreiben. Von den 7 bewaldeten Hügeln, welche Winterthur umgeben, von den 5 Dörfern, die 1922 eingemeindet wurden, die noch immer ein Teil ihrer Eigenständigkeit bewahrt haben. Oder vom Friedhof Rosenberg, der zu den Schönsten der Schweiz gehört, weil so viel Kultur, Geschichte und Gestaltung sicht- und spürbar ist. Oder von preisgekrönten Parkanlagen wie dem Brühlgutpark. Aber auch von finanziellen Problemen der Stadt die gar dazu führen, dass die Leistungen der Stadtgärtnerei ausgeschrieben werden sollen und von Herausforderungen der Stadt, sich neu zu erfinden, zu entwickeln.

In Winterthur haben die Versammlungsteilnehmer viel Neues sehen können. Die fachliche Auseinandersetzung mit Berufskollegen ist denn auch der Wert dieser Veranstaltung. Die Stadtgärtner von Winterthur haben ihre Kollegen aus der Schweiz herzlichst empfangen. Vielen Dank dafür.


Text : Thomas Schmid, Stadtgärtner von Luzern
Bilder: Andreas Wolfensberger, Felix Guhl und Christian Wieland


Programm_Donnerstag_D  [PDF, 304 KB]
Programm_Freitag_D  [PDF, 370 KB]

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