2014 Vernier

Vernier, eine grüne Stadt im Schatten von Genf

Bericht GV 2014

Die Jahresversammlung der Vereinigung Schweizerischer Stadtgärtnereien und Gartenbauämter (VSSG) fand dieses Jahr in Vernier statt. Neben den ordentlichen Traktanden standen Fachvorträge und Begehungen im Vordergrund.

Die ordentlichen Traktanden der Generalversammlung wurden mehrheitlich mit keiner Gegenstimme angenommen. Aus dem Vorstand waren keine Rücktritte zu vermelden. Zehn neue Mitglieder wurden in die Vereinigung aufgenommen, vier Einzelmitglieder und die sechs Gemeinden Aarberg, Bardonnex, Birsfelden, Muttenz, Rümlang und Steinhausen.

Label Grünstadt Schweiz auf gutem Weg

Projektleiter Christian Wieland informierte über den Projektstand von Grünstadt Schweiz. Das Projekt Grünstadt Schweiz entwickelt ein Label für nachhaltiges Stadtgrün. Der VSSG obliegt die Projektleitung, die beteiligten Partner sind die ZHAW Wädenswil, Bioterra, FiBL und die Städte Winterthur, Basel und Luzern. Als Wirtschaftspartner stellt nateco den Fortgang des Projektes sicher. Grünstadt Schweiz wird von der Kommission für Technologie und Innovation (KTI) finanziell und vom Bundesamt für Umwelt (BAFU) ideell unterstützt. Grünräume erfüllen zahlreiche Funktionen ästhetischer, sozialer, wirtschaftlicher und ökologischer Art. Es gilt, diese Funktionen zu wahren und weiter zu entwickeln. Das Projekt erarbeitet Grundlagen und stellt ein Instrumentarium zusammen, welches Städten und Gemeinden dienen wird, genau diese Ziele zu erreichen. Diese wiederum können ihre Leistungen anhand eines umfassenden Massnahmenkataloges anpassen und je nach Bewirtschaftung mit drei Labelstufen sichtbar machen. Diese Labelstufen sind Bronze, Silber und Gold. Als höchste Stufe zertifiziert die Goldstufe Bemühungen, die sich nahe an biologischer Bewirtschaftung orientieren.

Derzeit werden die Massnahmenkataloge erarbeitet und mit einem Punktesystem versehen. Parallel dazu laufen Forschungsarbeiten in den beteiligten Städten. Die VSSG ist überzeugt davon, dass Grünstadt Schweiz die Qualität und die Verfügbarkeit von Grünräumen sichert und fördert und damit einem zunehmenden Bedürfnis der Bevölkerung in den Städten nachkommt. Ab 2016 sollen Städte und Gemeinden zertifiziert werden können.

Vernier, im Schatten von Genf

Vernier ist eine Gemeinde, die 1960 rund 8000 Einwohner zählte. Heute leben in diesem Vorort von Genf 35000 Menschen. Sie kommen aus über 150 Nationen. Die Gemeindefläche beträgt rund 7.68 km2. Topografie und Grünräume sind durch die Rhone stark beeinflusst. Die Rhone bestimmt auf knapp 40% den Verlauf der Stadtgrenze Verniers. Nördlich gelegen und direkt an Vernier angrenzend, befindet sich der Genève Aéroport. In kurzen zeitlichen Abständen starten und landen Flugzeuge über Vernier. Stünden die Ortstafeln nicht an der Ortsgrenze, man wüsste als Besucher nicht, wo Vernier beginnt und aufhört. Es ist eine typische Schweizer Vorortstadt in der sich viele internationale Firmen und Organisationen der UNO niedergelassen haben.

Le Lignon

Als Besucher merkt man, dass Vernier rasch gewachsen ist. Symbolhaft dafür steht die Wohnbaute Le Lignon. In den 1960 er Jahren wuchs die Bevölkerung im Kanton Genf rasant aufgrund der konjunkturellen Blüte. Es entstanden Satellitenstädte in Meyrin und Onex und zwischen 1963 bis 1971 Le Lignon in Vernier. Das Gebäude ist 1.3 km lang, wurde für 10’000 Bewohner konzipiert, hat zwei 96 m hohe Wohntürme, 84 Eingänge und 2780 Wohnungen mit insgesamt 22‘000 Fenstern. Seit 2009 steht der Komplex auf Wunsch seiner Bewohner unter Denkmalschutz. Le Lignon steht mitten im Wald, wenige Gehminuten entfernt vom Ufer der Rhone.

Heute leben in Le Lignon rund 6000 Bewohner. Einer davon erzählte über Le Lignon. Voller Stolz. Le Lignon sei nicht wie die anderen Satellitenstädte, hier hätten sie ein sehr gut funktionierendes Quartier. Seine Eltern seien hierhingezogen und er gehe davon aus, dass seine Kinder hier weiterleben werden. Das fördere den Gemeinschaftssinn, man kenne einander, gehe zusammen zur Schule. Zudem sei die Durchmischung der Generationen eine Stärke in Le Lignon. Denn 450 Wohnungen sind für ältere Menschen reserviert. Weitere 450 Wohnungen werden von weniger gut verdienenden Menschen bewohnt. Ein Quartiervertrag, welchen die Bewohner miteinander abgeschlossen haben, regelt das Zusammenleben und fördert Ideen und Projekte. Die Lebensqualität wird ergänzt durch Infrastrukturen wie Bad, Einkaufsmöglichkeiten, Arztpraxis, Schule, Wald, Gemeinschaftsplatz und vielem mehr. Natürlich, so der Bewohner weiter, gebe es auch in Le Lignon Kriminalität. Aber, in Le Lignon grenze man nicht Menschen aus, sondern integriere sie aktiv. Die Fussball-WM diesen Sommer hätte sich für eine Studie in Sachen Integration bestens geeignet meinte er, denn auf dem Gemeinschaftsplatz seien alle Spiele von allen Fussballbegeisterten verfolgt worden, alle Fahnen hätten geweht und immer wurde gejubelt. Ja, man merkte, Le Lignon ist etwas Besonderes.

Perlen in Vernier

In Vernier gibt es 14 Parkanlagen und Naherholungsgebiete. Der Park Balexert, mitten in einem Wohnquartier gelegen, beherbergt ein Wasserspiel mit aufwendiger Schwimmbadtechnik. Düsen welche in einem Kunststoffbelag eingelassen sind, spritzen auf Knopfdruck Wasser. Dieses wird aus einer unterirdischen Anlage gepumpt und auch wieder dahin zurückgeführt und aufbereitet. Die Wasserspielanlage ist neu erstellt worden und hat rund Fr. 800‘000 gekostet. Die Parkgestaltung ist einfach, die Anordnung von Wiesen, Rasen und naturnahen und gärtnerischen Gehölzflächen zweckmässig. Eine kleine Baute im Park beherbergt Spielgruppe und Kindergarten. Er ist so ein sehr beliebter Aufenthaltsraum geworden, berichtet der Stadtgärtner von Vernier, Jean-Marc Beffa.

Naturreservat mitten in der Stadt

Der „Bois de la Grille“ befindet sich mitten in der Stadt. Es ist ein Naturreservat zwischen der Autobahn, der Rhone sowie Industrie- und Wohnzonen. Dass diese Naturschutzzone heute besteht, ist der umsichtigen und kämpferischen Zonenplanung der Stadt anfangs der 1970 er Jahre zu verdanken. Denn zuvor waren die Grundstücke der Industriezone zugeteilt. Im Bois de la Grille wachsen drei Laubwaldtypen. Der Buchenwald, Eichenwald mit Pfeifengras und ein Föhrenwald. Seit 2000 ist die Stadt Vernier für Pflege und Unterhalt zuständig. Flora und Fauna wurden genauestens inventarisiert. Die Arbeitsausführungen nach Pflegeplänen garantieren die Erhaltung und Förderung der Biodiversität. So werden Waldränder, welche an Wiesen angrenzen, in mehreren Etappen geschnitten und zurückgedrängt, damit sich in den Gehölzen die Larven entwickeln können, während die adulten Tiere ihren Lebensraum in der Wiese haben. Totholz wird zu Haufen aufgeschichtet, welche wieder Lebensraum bieten. Wiesenschnittabfälle aus dem Unterhalt werden vorsichtig an Haufen deponiert um einerseits eine Düngerwirkung zu verhindern und anderseits Lebensraum zu bieten.

Für viele Arbeiten sind freiwillige Helfer aus Firmen, Schulen, Zivildiensten und mehr im Einsatz. Bois de la Grille ist mit Gehwegen vernetzt. Verschiedene Hinweistafeln machen auf Erlaubtes und Verbotenes aufmerksam und informieren die Waldgänger. Kernstück für den Aufenthalt und die Ruhe ist „Au Moulin“. Bei einer alten Mühle befinden sich einige Parkplätze sowie Grillstellen, Tische und Bänke. Ein aus Grundwasser gespeister Teich lädt neben der Rhone zum Baden ein. Outdoor Fitnessgeräte erweitern das Bewegungsangebot.

In Vernier haben die Versammlungsteilnehmer viel Neues sehen können. In vielen Gesprächen kam zum Vorschein, dass auch in Vernier ähnliche Alltagsprobleme herrschen, wie in anderen Städten. Die Diskussion über solche Probleme und die Pflege von Beziehungen unter Stadt- und Gemeindegärtnern sind ein Teil des Wertes der jährlichen Veranstaltung der VSSG. In diesem Sinne ein herzliches Dankeschön an die Gastgeberstadt.

Text: Thomas Schmid, Stadtgärtner von Luzern
Bilder: Christian Wieland, Stadtgärtner von Winterthur

Programm GV 2014  [PDF]