Schweizer Baumtagung 2017

9. November 2017

eine Fachtagung zum Thema

Siedlungsbäume in Bedrängnis

Tagungsprogramm: 170915_Flyer_Baumtagung_gueltVers  [PDF, 4.00 MB]

Bericht von Peter Stünzi, Landschaftsarchitekt BSLA, Grünraumberatung, 8802 Kilchberg

Gemeinsamkeit von hohlem Baumstamm und Banane?

Was uns und den Bäumen die Klimaerwärmung bringt und warum alte Bäume betreffend Sicherheit häufig falsch beurteilt und deshalb unnötigerweise gefällt werden, waren zwei der Themen der diesjährigen Baumtagung unter dem Titel «Siedlungsbäume in Bedrängnis».

Sehr erfreut konnte der Leiter von Stadtgrün Bern, Christoph Schärer, 250 Teilnehmende an der Baumtagung am 9. November 2017 begrüssen. Das Tagungsthema ist aktuell, die Stadtverdichtung geht in grosser Kadenz weiter. Landschaftsarchitekten und Grünämter müssen für Stadtbäume gute Lösungen finden. Dank einem ausgeprägten Baumschutz geht es den Bäumen in Bern rechtlich gut. Bei Fällungen besteht eine Ersatzpflicht. Aber die Klimaerwärmung, die Versalzung durch Streusalz der strassennahen Böden sowie die Versiegelung gehen weiter. 

Was erwartet die Schweiz im Treibhaus?

Mario Slongo zeigte in seinem einleitenden Referat bekannte und neue Fakten und Hintergründe zur Klimaerwärmung auf. Den Vergleich, die Atmosphäre verhalte sich wie ein Treibhaus verstanden alle auf Anhieb. Durch die seit 1820 nachweislich ansteigende CO2 Konzentration bleibt mehr Wärme gefangen. Die Erwärmung erfolgt nicht gleichmässig über den Globus verteilt, sondern an den Polkappen verstärkt. Dadurch verändert der Jetstream un den Weltmeeren seine «Wellen», diese werden grösser was für uns in Mitteleuropa längere Hitzeperioden mit Trockenheit oder ausgedehntere Niederschläge bedeutet. Sommer und Winter werden wärmer, die Winter nasser, die Sommer trockener. Und für Bewässerungen bleibt das Wasser weg. Denn der Schweizer Alpenraum verzeichnet heute schon eine Temperaturzunahme von fast 2° Celsius. Bei einem mittleren Zukunftsszenario, das entspricht den heutigen halbherzigen Bemühungen zur CO2 Reduktion, werden bis 2085 alle Gletscher schmelzen. Das Klima in der Schweiz wird jenem von Zagreb oder Florenz ähnlich sein. Nach Meinung des Referenten werden zum Beispiel Rosskastanie und Sommerlinde das kaum überleben, dafür wird die Eiche bis ins Glarnerland hinein die optimale Baumart werden, und die Buche verdrängen.

Wie viel Platz haben Bäume im urbanen Raum noch?

Alle zwei Jahre wächst der Anspruch auf Wohnfläche in der Schweiz um einen Quadratmeter pro Einwohner. Wir können es uns leisten. Jedes Jahr wird eine Fläche der Grösse des Walensees zusätzlich überbaut. Für Thomas von Känel ist es wichtig, dass das Siedlungsgebiet nicht flächig überall gleich verdichtet wird. Es gilt, durch eine städtebauliche Strategie Quartierqualitäten zu sichern. In der Schweiz reicht der Strassenraum in der Regel nicht aus, damit alle Nutzungsansprüche, sauber nebeneinander aufgereiht, Platz haben. Deshalb braucht es Kombinationen wie Parkierung in der Baumreihe oder Gemischtverkehrsflächen Tram/Individualverkehr oder gar Verzicht. Er zeigte an drei Beispielen aus Bern, Effingerstrasse, Bernstrasse und Bachmätteli, wie konkrete Lösungen aussehen können. Sein Fazit aus den drei Resultaten:
- Match-entscheidender Erfolgsfaktor ist die interdisziplinäre Projektierung;
- Es braucht eine saubere interdisziplinäre Abwägung der Ansprüche;
- Es braucht einen übergeordneten Kontext, eine konsistente städtebauliche Strategie;
- Nicht alle Bedürfnisse an den öffentlichen Raum können berücksichtigt werden.

Standsicherheit und Vitalität von Bäumen bei geringer Stammstärke

Würden Sie die Statik von Baumstämmen am Beispiel von Gemüse erklären? Nein! Aber genau das tat der Referent Frank Rinn, Heidelberg. Er liess im Saal Bananen verteilen und erklärte daran den Unterschied der Belastbarkeit bei Zug- oder Torsionskräften: die Spargeln waren Beispiel für die Statik der Jungbäume, Peperoni für grosse aber dünnwandige Querschnitte, Stangensellerie mit der Rundung auf der einen und der Hohlform auf der anderen Stengelseite waren das treffende Beispiel für einseitig beschädigte Stämme. Ja, von welcher Seite ist der Selleriestängel jetzt belastbar und auf welcher nicht? Probieren Sie’s doch selber aus, bevor Sie ihn in Stücke schneiden.
Bei der Bruchsicherheit, vor allem des Stammes, geht es einerseits um die Tragfähigkeit des Querschnitts und andererseits um die wirkenden Biegemomente. Die Tragfähigkeit ist vor allem von seinen Abmessungen abhängig. Der Durchmesser eines Querschnittes geht in der 3. Potenz in dessen Tragfähigkeit. Deswegen sind die einfach zu erkennenden und zu erfassenden Daten weitaus wichtiger als die Materialkennwerte des Holzes, welche nur in der 1. Potenz in die Tragfähigkeit geht. «Size matters!». Aber nicht nur der Durchmesser, sondern Grösse und geometrische Verteilung der Last tragenden Anteile sind entscheidend. Das heisst, dass die Lage einer Schädigung weitaus mehr Einfluss auf die Tragfähigkeit hat als die Grösse der Schädigung. Grosse Schäden im Innern von alten Bäumen sind meist statisch nicht relevant, kleinere Schädenb am Rand können dagegen fatal sein. Bei den typischen alten Bäumen sind gemessene Restwandstärken deswegen zwar für viele gutachterliche Fragen wichtig, für die akute Bruchsicherheitsbeurteilung zumeist jedoch irrelevant.

Während die grösste mechanische Belastung bei aufrecht stehenden Bäumen vor allem durch den Wind erzeugt wird, kommt bei schräg oder am Hang stehenden Bäumen das Eigengewicht als zu berücksichtigender Aspekt hinzu.
Die Windlast wiederum wird vor allem von der Höhe des Baumes bestimmt. Und hier setzt der vielleicht wichtigste, Aspekt an: die zu begutachtenden Bäume sind zumeist alt und wachsen schon seit vielen Jahren nicht mehr in die Höhe. Aber solange ein Baum lebt, bildet er am Stamm neue Jahrringe und sein Durchmesser wächst. Weil der Durchmesser des Baumes überproportional in die Berechnung der Tragfähigkeit eingeht, steigt somit seine Bruchsicherheit stärker an als sein Durchmesser. Deswegen haben alte Bäume, die typischerweise aufgrund ihrer Schäden untersucht werden eine erhöhte Grundsicherheit (siehe die bekannten alten hohlen Mammutbäume). Dies erklärt unter anderem, warum so viele alte und hohle Bäume sogar Stürme überstehen bei denen benachbarte junge intakte Bäume versagen. Dies macht umso deutlicher, warum die sogenannte «1/3 Regel» zur Standfestigkeit bei den Altbäumen irrelevant ist und damit ebenso die punktweise lokale Messung von Restwandstärken, Dehnungen oder anderen Materialkennwerten.
Wir müssen lernen, den Baum «zu lesen», seine Körpersprache zu verstehen. Die Zuwachsraten von Kambiumzellen der Rinde sind vor allem eine Antwort auf die mechanische Belastung. Eine Analyse dieses Wachstums macht Aussagen über die Bruch- und Standsicherheit. Bei Kronenrückschnitt-Massnahmen sollte es vor allem darum gehen, die Krone symmetrisch zu gestalten. Dies damit keine Torsionskräfte auf Stamm und Stammkopf wirken. Die Torsionsfestigkeit ist der schwächste Materialkennwert von Holz. Nur in wenigen Fällen sind weitere Schnittmassnahmen nötig, häufig schädigen diese den Baum mehr als sie nützen. Der Referent macht eine brisante Aussage:
Viel zu viele alte Bäume wurden gekappt oder gefällt, weil beispielsweise Bohrwiderstandsmessgeräte mit nicht ausreichender Genauigkeit oder Schalltomographen ohne Holzartenkorrektur verwendet und im Splintholz fälschlicherweise Schäden diagnostiziert wurden, wo jedoch nur sehr weiches Holz vorlag. Gerade im Splintholz liegen oft keine Schäden vor, sondern nur eine Kombination von speziellen Jahrring-Formationen und eine hohe Holzfeuchte. Und dies führt oft zu sehr niedrigen Festigkeitswerten. Diese sind aber in der Regel kein Grund für Zweifel an einer ausreichender Baumstatik. Unter Stress stehende ringporige Hölzer bilden mitunter weiches Holz (wie zum Beispiel beim Balsaholz), was den meisten Geräteanwendern jedoch nicht bekannt scheint und zu Fehlbeurteilungen führt.

Änderungen der Richtlinie zur Schadenersatzberechnung bei Bäumen

Demnächst erscheint die 7. Auflage der Richtlinien, welche vom Bund Schweizer Baumpflege (BSB) und der VSSG gemeinsam überarbeitet wurden. Katrin Joos, Geschäftsführerin des BSB, stellte den Tagungsteilnehmenden die Änderungen vor.
Es werden drei verschiedene Schadenformen unterschieden: Holzverletzungen, Wurzelverlust und Kronenverlust. Zu jeder Schadenform gibt es in Tabellenform drei artspezifische Empfindlichkeitsstufen. Acer palmatum zum Beispiel ist sensibel sowohl auf Holzverletzungen wie Wurzel- und Kronenverluste. In der Stufe sensibel führt schon ein Teilschaden von 40% für Acer palmatum zu einem Totalschaden.
Die Erfahrung der letzten Jahre zeigte, dass bei den Schadensberechnungen Kosten für die Anwachspflege zu tief geschätzt wurden. Das Schadenformular der Richtlinien von 2014 umfasste vier Seiten. Neu kommt eine fünfte Seite dazu, mit einer detaillierten Kostenaufstellung für die Anwachspflege im 1. bis 5. Standjahr und eine sechste Seite für die Jungbaumpflege im 6. bis 10. Standjahr. Für Anwachs- und Jungbaumpflege können etwa CHF 7'000.- verrechnet werden. Karin Joos bittet deshalb, nur noch das neue Formular zu verwenden. Und wichtig: Ein Baumeigentümer hat immer Anspruch auf die Anwachs- und Jungbaumpflege, auch wenn kein Baumersatz erfolgt.

Strassenbäume konsequent mit Unterpflanzungen — aus und mit Prinzip

Im Fokus bei der Entwicklung «Gehölzbetonter Pflanzsysteme» stehen die Strassenbäume, ihnen gilt es das Leben leichter zu machen, betonte Axel Heinrich. Er präsentierte Resultate einer zweijährigen Forschungsarbeit der Hochschule Wädenswil (ZHAW) mit mehreren Städten und dem BBL. Bäume sind von Hause aus keine Singles, die Strauch- und/oder Krautschicht gehören in den gemässigten Breiten naturgemäss dazu. Wegen des Klimawandels findet man heute die geeigneten Vorbilder nicht in heimischen Wäldern sondern auf dem Balkan. Eine Unterpflanzung unterstützt alle Stadtbäume durch Bodendurchlüftung mit Tiefwurzlern, zusätzlich dank Vermeidung von mechanischen und thermischen Schäden, sie ermöglicht auch ein minimales Bodenleben. Städtisch urbane Pflanzensysteme sollen sich zukünftig durch Hitze- und Salzverträglichkeit sowie Ästhetik auszeichnen und den zukünftigen Anforderungen des Klimawandels standhalten. Die Hitze am Stammfuss der Bäume kann dabei entscheidend sein, denn mit Bepflanzung werden um die 30° Celsius gemessen, ohne geht’s am Strassenrand bis auf 50° Celsius.
Anhand von Beispielen aus Thalwil, Basel, Bern (BBL), Schaffhausen und Zürich zeigte Axel Heinrich, wie einzelne Baumscheiben oder ganze Baumrabatten gestaltet werden können. Wichtig sind in Stammnähe Zielarten-Pflanzungen schattenverträglicher Staudenarten und am Rand der Bepflanzung sonnenliebendere Schleppenbildner. Dabei können Staudenpflanzungen bei optimaler Pflege Problemunkräuter wie Acker- und Wiesenkräuter unterdrücken, denn sie lieben kein Laub, welches bei Unterpflanzungen von den Stauden «geschluckt» wird. Sie profitieren vom zunehmenden Schatten und dem Kohlenstoff im Laub. Das Laub aber ist Grundvoraussetzung für die Ankurbelung des Bodenlebens und damit der Vitalität der Bäume.
Ein gut funktionierendes städtisches Vegetationssystem bedingt die Verwendung von Pflanzen, welche den urbanen Bedingungen standhalten. Die besten Bonituren erhielten bei den kurzlebigen, vagabundierenden Stauden: Aquilegia vulgaris, Buphthalmum salicifolium, Digitalis lutea und Salvia glutinosa. Bei den ausdauernden Stauden: Acanthus Arten, Asperula taurina, Campanula rapunculoides, Fragaria vesca, Euphorbia amygdaloides var. robbiae und Stellaria holostea.

Ungeplante Gehölzbestände in der Stadt: Ursache und Wirkung

Mit der Bemerkung, die SBB hätten den grössten Schottergarten der Schweiz, hatte Mark Krieger die Zuhörenden sofort auf seiner Seite.
Die Ursache ungeplanter Gehölzbestände im Siedlungsraum liegt in der Regel bei nicht mehr gepflegten Flächen, zum Beispiel aufgelassene Industrie oder Gewerbeflächen. Wir finden hier die Arten der klassischen Ruderalvegetation, Birken, Kiefern und Spitzahorn, oft mit einem hohen Anteil Neophyten wie Robinien oder Götterbäume. Oft in linearen Strukturen wie Rinnen, Geleisen, an Belagsrändern oder -brüchen, entlang Mauern etc. Sehen diese Bäume besser oder schlechter aus als unsere Strassenbäume, für die wir einiges investieren? Sind sie einmal über das «gefährliche» Kinderstadium hinaus, sind sie oft vitaler und gesunder als ihre gepflanzten und gepflegten Kollegen. Dies obwohl die Substrate meist nur die ersten 50 Zentimeter Unterbau von versiegelten Flächen und so gut wie humusfrei sind.
Mark Krieger stellte die Frage, ob wir überhaupt Bäume in der Stadt wollen? Die Bäume unserer Städte werden für eine Standzeit von 80 Jahren vorgesehen, die effektive Standzeit von Strassenbäumen wird je nach Stadt mit 30 bis 40 Jahren angegeben. Das heisst doch: da muss bei einigen Grün- und Tiefbauämtern Grundsätzliches falsch laufen.
Zudem ist eine wesentliche Forderung von Mark Krieger, die Revision der Abstandsregelungen in den Gemeinden und Kantonen. Hamburg zum Beispiel hat die Abstandregelungen für Baumpflanzungen auf Privatgrundstücken abgeschafft, was potentielle Pflanzflächen um ein vielfaches erhöht.

Die Lehre daraus:
- Nicht das Substrat ist entscheidend für die Vitalität sondern die Grösse des Wurzelraumes.
- Pionierbäume in 50 Zentimeter humusfreiem Strassenunterbau sind oft gesünder als Strassenbäume in einem Supersubstrat, denn Pionierbäume haben häufig mehr Platz als eine nur vier Quadratmeter grosse Baumgrube.
- Auf Tiefgaragen sollten die Standorte der Bäume «überhügelt» werden, damit mehr Wurzelraum zur Verfügung steht, an Stelle eines zu kleinen Bonsai-artigen «Troges» auf dem Dach oder eingelassen in die Dachkonstruktion.
Prof. Schöffel von der ZHAW formulierte es vor ein paar Jahren prägnant und etwas provokativ so: «95% der in Städten gepflanzten Strassenbäume sind Schrott».

Biologische Kontrolle von Holz zerstörenden Pilzen an Bäumen

Es liegen wenige Erkenntnisse über die antagonistische Wirkung (Gegenspieler) von Trichoderma-Arten gegen holzzersetzende Pilze, die an Stadtbäumen auftreten, vor. In einem reich bebilderten Vortrag zeigte Francis Schwarze unter anderem auf, wie Pilzantagonisten agieren. Derzeit wird an der EMPA der Einfluss von Trichoderma-Arten auf das Wachstum von vier wurzelbürtigen Pilzarten und zwei Stammbürtige untersucht. Begleitend werden über drei Jahre an verschiedenen Laubbäumen nach Schnittmassnahmen Wunden mit Sporensuspensionen und -emulsionen von Trichoderma behandelt. Man will sich zu Nutzen machen, dass Trichoderma sich von Hyphen (fadenförmige Zellen der Pilze) der Schadpilze ernähren. Laboruntersuchungen im Ausland sind vielversprechend und zeigen, dass Trichoderma-Stämme in kürzester Zeit die Hyphen holzzersetzender Pilze auflösen. In Feldstudien zeigten Wunden, die nach Schnittmassnahmen mit einer Konidiensuspension behandelt wurden, eine homogene Besiedlung mit den Antagonisten (Gegenspieler) und eine signifikant geringere Infektion mit Schadpilzen. Die Ergebnisse sind sehr vielversprechend und lassen das Potential einer erfolgreichen biologischen Wundbehandlung an Bäumen erkennen.